„Russenlager“ und Zwangsarbeit – Ausstellung an der TU Berlin

„Russenlager“ und Zwangsarbeit – Bilder und Erinnerungen sowjetischer Kriegsgefangener


9. Januar – 10. Februar 2012: Ausstellung und Veranstaltungen

Ausstellung im Hauptgebäude der TU Berlin (Straße des 17. Juni 135, U-Ernst Reuter Platz)

Mehrere inhaltliche Veranstaltungen im Rahmen der Ausstellung an unterschiedlichen Orten mit Marcus Funck, Peter Jahn, Alex J. Kay, Thomas Kuczynski, Jens Nagel, Eberhard Radczuweit, Hilde Schramm und Gabriele Wendorf.

Präsentiert vom AStA der TUB und KONTAKTE-KOHTAKbI e.V.

70 Jahre nach dem Überfall auf die Sowjetunion zeigt der Allgemeine Studierendenausschuss (AStA) der Technischen Universität Berlin die Ausstellung des Vereins KONTAKTE-KOHTAKbI e.V., um die vergessenen Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft zu würdigen. Im Rahmen der Ausstellung finden vier inhaltliche Veranstaltungen an der TU, an der Humboldt Universität, in der Trinitatis Gemeinde und in der Geschäftsstelle von Kontakte e.V. statt.

Der deutsche Überfall auf die Sowjetunion vor 70 Jahren war der Beginn eines beispiellosen Verbrechens gegen die Menschheit. 27 Millionen Menschen fielen dem Terror des Nationalsozialismus zum Opfer. Viele Opfergruppen sind nach dem Krieg als Opfer des NS-Regimes durch die Bundesrepublik Deutschland entschädigt worden. Die sowjetischen Kriegsgefangenen jedoch, die besonders unter dem NS-Terror gelitten haben, wurden nicht als Opfergruppe anerkannt.
Von den 5,7 Millionen sowjetischen Kriegsgefangenen haben fast 60 Prozent den Krieg nicht überlebt. In so genannten „Russenlagern“ wurde ihr Tod durch Mangelernährung und Seuchen billigend in Kauf genommen. Denn „wir führen nicht Krieg, um den Feind zu konservieren“ (Kommentar zu den Einsatzbefehlen des Reichssicherheitshauptamtes 1941 welche die Vernichtung der kommunistischen Idee in den Lagern durch „besondere Maßnahmen“ anordnete). Die militärische Auseinandersetzung Deutschlands mit der Sowjetunion war von Beginn an auch eine weltanschauliche, in der das Leben der sowjetischen Kriegsgefangenen keinen Wert hatte.
In der Ausstellung zu sehen sind künstlerische Portraits, die der Fotograf Lars Nickel in Armenien und in Wolgograd schuf und die die Schicksale von Überlebenden aus deutschen Kriegsgefangenenlagern bildhaft schildern. Daneben sind Zitate aus Tonbandprotokollen und Briefen der Portraitierten sowie Dokumente und Bildmaterial aus dem Bundesarchiv, darunter Feldpostbriefe, ausgestellt. Die Exponate behandeln die Themen: Kriegsdienst, Gefangennahme, Lager und Zwangsarbeit, Befreiung, Repatriierung und Nachkriegszeit.
Der Verein KONTAKTE-KOHTAKTbl e.V. setzt sich seit Jahren für eine Entschädigung und Anerkennung der sowjetischen Kriegsgefangenen als Opfer des NS-Regimes ein. In Form einer Petition hat er sich 2006 an den Deutschen Bundestag gewandt, über die bis heute nicht entschieden worden ist.

Warum an der TU?
Der Vorgänger der Technischen Universität, die „Königliche Technische Hochschule“, war wie die heutige Humboldt Universität an der Ausarbeitung des „Generalplan Ost“ beteiligt. Diese theoretischen Konzepte bildeten auf Grundlage der NS-Rassendoktrin die Planung für eine Kolonisierung und „Germanisierung“ von Teilen Osteuropas. Die Planspiele zur deutschen „Lebensraumerweiterung“ beinhalteten die Vertreibung, Versklavung und Vernichtung der slawischen Bevölkerung Osteuropas. Auch die Wehrtechnische Fakultät V an der Königlichen Technischen Hochschule hatte daran ihren Anteil. Zuletzt wurde die Ausstellung an der Humboldt Universität gezeigt. Im Unterschied zur HU, wo sich das Institut für Geschichte dafür engagierte, übernimmt an der TU der AStA die Organisation der Ausstellung.

www.asta.tu-berlin.de und www.kontakte-kontakty.de

Termine

9. Januar – 10. Februar 2012
Ausstellung im Hauptgebäude der TU Berlin vor dem Audimax

(Straße des 17. Juni 135, U-Ernst Reuter Platz, zu besichtigen Montag – Freitag 8-21 Uhr)

Montag, 9. Januar 2012, 18 Uhr, Ausstellungseröffnung
(Straße des 17. Juni 135, U-Ernst Reuter Platz)
Mit André Schmitz (Kulturstaatssekretär), Günther Saathoff (Stiftung-Erinnerung Versöhnung Zukunft), KONTAKTE-KOHTAKbI e.V. und Gabriele Wendorf (3. Vizepräsidentin der TU Berlin)

Freitag, 13. Januar 2012, 19 Uhr, Vortrag von Alex J. Kay
Humboldt Universität, Hauptgebäude Saal 2002 (Unter den Linden 6, S/U-Friedrichstraße)

Vortrag von Alex J. Kay (Historiker) zu „Ausbeutung, Umsiedlung, Massenmord: NS-Zukunftspläne für den Osten: Backe-Plan und Generalplan Ost“.
NS-Umsiedlungs- und Massenmordpläne für die deutschbesetzten sowjetischen Gebiete existierten, die in ihren Ausmaßen sogar die tatsächlich angewandte Gewalt der Nationalsozialisten bei Weitem übertrafen. Das sieht man am Beispiel des Backe-Plans zur Verhungerung von dreißig Millionen Menschen sowie am Generalplan Ost zur Vertreibung weiterer einunddreißig Millionen Menschen nach Sibirien.

Freitag, 20. Januar 2012, 19 Uhr, Vortrag von Thomas Kuczynski
Geschäftsstelle KONTAKTE-KOHTAKTbI e.V, (Feurigstr. 68, S-Julius-Leber-Brücke)

Vortrag von Thomas Kuczynski zur Zwangsarbeiterentschädigung „Brosamen vom Herrentisch. Eine beschämende Geschichte“

Donnerstag, 26. Januar 2012, 19 Uhr, Podiumsdiskussion zu „Sowjetische Kriegsgefangene – Vergessene NS-Opfer?“
TU Berlin, Hauptgebäude, Saal H0110 (Straße des 17. Juni 135, U-Ernst Reuter Platz)

Mit Marcus Funck (Historiker, TU Berlin), Peter Jahn (ehemals Direktor deutsch-russisches Museum Karlshorst), Jens Nagel (Leiter Gedenkstätte Ehrenhain-Zeithain)
Zum Nationalen Gedenktag an die Opfer des Nationalsozialismus, der hartnäckig in allen Medien als „Holocaust-Gedenktag“ bezeichnet wird, fallen die ehemaligen sowjetischen Kriegsgefangenen regelmäßig aus dem Gedenken heraus. Bei der Podiumsdiskussion soll über Gründe hierfür und die aktuelle Situation des Gedenkens und der Gedenkstätten gesprochen werden.

Donnerstag, 2. Februar, 19 Uhr, Lesung aus den „Freitagsbriefen“
Trinitatis Gemeindehaus (Leibnizstr. 79, S-Charlottenburg)

„Ich werde es nie vergessen“ Eberhard Radczuweit liest aus Briefen ehemaliger sowjetischer Kriegsgefangener

Freitag, 10. Februar 2012, 18 Uhr, Finissage (Straße des 17. Juni 135, U-Ernst Reuter Platz)
Zum Abschluss der Ausstellung. Es sprechen: Prof. Christian Jansen (Neuere und Neueste Geschichte), Eberhard Radczuweit (Kontakte-Kontakty e.V.) und jemand vom AStA.


1 Antwort auf „„Russenlager“ und Zwangsarbeit – Ausstellung an der TU Berlin“


  1. 1 Ausstellungseröffnung in der TU-Berlin | andreas-domma.de Pingback am 11. Januar 2012 um 23:01 Uhr
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