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AstA-Ausstellung im Tagesspiegel

27.04.2012 Tagesspiegel
Theresienstadt-Ausstellung an der TU
Die Mädchen von Zimmer 28

von Amory Burchard

Wie Kinder sich in Theresienstadt organisierten, wird jetzt an der TU Berlin gezeigt. „Zimmer 28“ symbolisiert die Schrecken der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik, denen auch zahllose Kinder ausgesetzt waren.

Helga Pollak, eine 13-jährige Wienerin im tschechischen Exil, notierte am 17. Januar 1943 in ihrem Tagebuch: „Ich muss morgen früh aufstehen. Ich liege angezogen, denn ich habe nichts mehr zum zudecken.“ Es war der Abend bevor sie in das Sammel- und Durchgangslager Theresienstadt verschleppt wurde. Helga kam in Zimmer 28 des Mädchenheims, 30 Quadratmeter mit dreistöckigen Pritschen, in dem 30 Mädchen im Alter von 12 bis 14 Jahren lebten. Den „Mädchen von Zimmer 28“ ist eine kleine Ausstellung gewidmet, die auf Initiative des Asta der Technischen Universität Berlin bis 30. Mai im TU-Hauptgebäude zu sehen ist. Gezeigt wird auch ein Nachbau des Zimmers.

„Zimmer 28“ symbolisiert die Schrecken der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik, denen auch zahllose Kinder ausgesetzt waren, zugleich aber die Kraft von Gemeinschaft und Freundschaft. Denn obwohl die auf engstem Raum zusammengezwungene Gruppe ständig durch Transporte in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau zerrissen wurde, bildete sich ein Freundschaftsbund. Diese „ schützende Insel“ begründeten die Mädchen gemeinsam mit ihren Betreuerinnen, Häftlinge wie sie. Das Motto ihres „Maagal“ (Hebräisch für Kreis) spricht von der Suche nach Halt inmitten des Grauens: „Du glaubst mir, ich glaube dir. Du weißt, was ich weiß. Was immer kommen mag, du verrätst mich nicht, ich verrate dich nicht.“

Heimlich wurden die Mädchen von inhaftierten Lehrerinnen unterrichtet. An den Wänden des Zimmer-Nachbaus hängen Kollagen und Aquarelle, die von der Anleitung durch Künstlerinnen wie Friedl Dicker-Brandeis zeugen. Auch in der Kinderoper Brundibár, komponiert von Theresienstädter Häftlingen, wirkten einige der Mädchen mit.

Von den rund 60 Bewohnerinnen des „Zimmers 28“ haben nur 15 überlebt. Nach dem Krieg nahmen sie untereinander Kontakt auf, durch die deutsche Autorin Hannelore Brenner-Wonschik wurde ihr Schicksal hierzulande bekannt. Brenner-Wonschik schrieb ein Buch über die „Mädchen von Zimmer 28“ (2004) und ist auch Kuratorin der Wanderausstellung, die jetzt an der TU zu sehen ist. Der von ihr gegründete Verein „Room 28“ ruft jetzt ein Bildungsprojekt für Schüler ins Leben, das am 10. Mai in der Botschaft der Tschechischen Republik vorgestellt wird.

Eine der Überlebenden ist Helga Pollak-Kinsky. Sie unterstützt das Bildungsprojekt und wird am 12. Mai in der Universität der Künste aus ihrem Tagebuch lesen.

Bis 30. Mai im Lichthof des TU-Hauptgebäudes, Straße des 17. Juni 135; Zimmernachbau bis 22. Mai in Raum H 2035. Der Asta begleitet die Ausstellung mit Filmen und Vorträgen (Informationen unter: www.asta.tu-berlin.de). Kontakt zum Room 28-Bildungsprojekt: 030-6918395.

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Programm an der TU Berlin vom 25. April bis 30. Mai 2012 „Die Mädchen von Zimmer 28, L410 Theresienstadt“

Ausstellung im Foyer vor dem Cafe Wetterleuchten, Erdgeschoss Hauptgebäude der TU Berlin und Nachbau des Zimmers 28 in Raum H2035 ebenfalls im Hauptgebäude. Straße des 17. Juni 145

Mittwoch, 25.4. 18 Uhr Vernissage Mit musikalischer Begleitung durch Studierende der UdK. Im Lichthof der TU (Hauptgebäude).

Mittwoch 2.5. 19 Uhr Filmabend mit Einführung im H2036 Theresienstadt und die NS-Propaganda „Kurt Gerron – Gefangen im Paradies“, Dokumentation 87 Min., Kanada/USA/GB/Deutschland 2002, R: Malcolm Clarke, Stuart Sender

Mittwoch 9.5. 19 Uhr Filmabend mit Einführung im H2036 Das Rote Kreuz in Theresienstadt „Ein Lebender geht vorbei“ (OmU), Dokumentation 65 Min., Frankreich 1997, R: Claude Lanzmann

Samstag 12.5. 14 Uhr Lesung in der UdK, Raum 310 Hardenbergstr.33 Helgas Tagebuch. Ein Mädchen von Zimmer 28. Mit Helga Kinsky (Wien) und der Autorin Hannelore Brenner-Wonschick.

Mittwoch 16.5. 19 Uhr Filmabend mit Einführung im H2037 Frühe Thematisierungen der Shoah im Ostblock „Daleká cesta / Distant Journey“ (OmU), Spielfilm 108 Min., Tschechoslowakei 1949, R: Alfréd Radok

Mittwoch 23.5. 19 Uhr Filmabend mit Einführung im H2035 Hollywood und der Nationalsozialismus „Sein oder Nichtsein“ (OmU) Spielfilm 99 Min., USA 1942, R: Ernst Lubitsch

Mittwoch 30.5. 18 Uhr Finissage im EB407 Es spricht Dr. Rainer Erb (ZfA) über die Gedenkpraxis vor 50 Jahren und heute.

„Russenlager“ und Zwangsarbeit: Vorträge der Veranstaltungen jetzt online

Die Ausstellung „Russenlager“ und Zwangsarbeit im TU Hauptgebäude ist nun wieder abgebaut. Im Nachgang wird es einen längeren Bericht im nächsten AstA-Info geben.

Fotos von der Eröffnung am 9. Januar sind nun auch auf unserem Flickr-Account.

Auf unserem Youtube-Kanal könnt ihr die drei inhaltlichen Veranstaltungen nocheinmal nachhören.

- Alex J. Kay: NS-Pläne für den Osten: Ausbeutung, Umsiedlung, Massenmord (45:32min)
Vortrag zur NS-Zukunftsplanung (Backe-Plan und Generalplan Ost) auf dem Gebiet der Sowjetunion. Gehalten am 13.01.2012 in der HU-Berlin.
- Thomas Kuczynski: Brosamen vom Herrentisch (65:23min)
Vortrag über den Profit aus Zwangsarbeit und die Zwangsarbeiterentschädigung. Gehalten am 20.01.2012 im Kontakte Domizil (Berlin-Schöneberg)
- Podium: Marcus Funck, Peter Jahn, Jens Nagel, Hilde Schramm: Sowjetische Kriegsgefangene – Vergessene NS-Opfer (79:16min)
Diskussion zum Gedenktag an die Opfer des Nationalsozialismus am 26.01.2012 an der TU Berlin

Unser Abschlussbeitrag auf der Finissage: (mehr…)

„Russenlager“ und Zwangsarbeit – Ausstellung an der TU Berlin

„Russenlager“ und Zwangsarbeit – Bilder und Erinnerungen sowjetischer Kriegsgefangener


9. Januar – 10. Februar 2012: Ausstellung und Veranstaltungen

Ausstellung im Hauptgebäude der TU Berlin (Straße des 17. Juni 135, U-Ernst Reuter Platz)

Mehrere inhaltliche Veranstaltungen im Rahmen der Ausstellung an unterschiedlichen Orten mit Marcus Funck, Peter Jahn, Alex J. Kay, Thomas Kuczynski, Jens Nagel, Eberhard Radczuweit, Hilde Schramm und Gabriele Wendorf.

Präsentiert vom AStA der TUB und KONTAKTE-KOHTAKbI e.V.

70 Jahre nach dem Überfall auf die Sowjetunion zeigt der Allgemeine Studierendenausschuss (AStA) der Technischen Universität Berlin die Ausstellung des Vereins KONTAKTE-KOHTAKbI e.V., um die vergessenen Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft zu würdigen. Im Rahmen der Ausstellung finden vier inhaltliche Veranstaltungen an der TU, an der Humboldt Universität, in der Trinitatis Gemeinde und in der Geschäftsstelle von Kontakte e.V. statt.

Der deutsche Überfall auf die Sowjetunion vor 70 Jahren war der Beginn eines beispiellosen Verbrechens gegen die Menschheit. 27 Millionen Menschen fielen dem Terror des Nationalsozialismus zum Opfer. Viele Opfergruppen sind nach dem Krieg als Opfer des NS-Regimes durch die Bundesrepublik Deutschland entschädigt worden. Die sowjetischen Kriegsgefangenen jedoch, die besonders unter dem NS-Terror gelitten haben, wurden nicht als Opfergruppe anerkannt.
Von den 5,7 Millionen sowjetischen Kriegsgefangenen haben fast 60 Prozent den Krieg nicht überlebt. In so genannten „Russenlagern“ wurde ihr Tod durch Mangelernährung und Seuchen billigend in Kauf genommen. Denn „wir führen nicht Krieg, um den Feind zu konservieren“ (Kommentar zu den Einsatzbefehlen des Reichssicherheitshauptamtes 1941 welche die Vernichtung der kommunistischen Idee in den Lagern durch „besondere Maßnahmen“ anordnete). Die militärische Auseinandersetzung Deutschlands mit der Sowjetunion war von Beginn an auch eine weltanschauliche, in der das Leben der sowjetischen Kriegsgefangenen keinen Wert hatte.
In der Ausstellung zu sehen sind künstlerische Portraits, die der Fotograf Lars Nickel in Armenien und in Wolgograd schuf und die die Schicksale von Überlebenden aus deutschen Kriegsgefangenenlagern bildhaft schildern. Daneben sind Zitate aus Tonbandprotokollen und Briefen der Portraitierten sowie Dokumente und Bildmaterial aus dem Bundesarchiv, darunter Feldpostbriefe, ausgestellt. Die Exponate behandeln die Themen: Kriegsdienst, Gefangennahme, Lager und Zwangsarbeit, Befreiung, Repatriierung und Nachkriegszeit.
Der Verein KONTAKTE-KOHTAKTbl e.V. setzt sich seit Jahren für eine Entschädigung und Anerkennung der sowjetischen Kriegsgefangenen als Opfer des NS-Regimes ein. In Form einer Petition hat er sich 2006 an den Deutschen Bundestag gewandt, über die bis heute nicht entschieden worden ist.

Warum an der TU?
Der Vorgänger der Technischen Universität, die „Königliche Technische Hochschule“, war wie die heutige Humboldt Universität an der Ausarbeitung des „Generalplan Ost“ beteiligt. Diese theoretischen Konzepte bildeten auf Grundlage der NS-Rassendoktrin die Planung für eine Kolonisierung und „Germanisierung“ von Teilen Osteuropas. Die Planspiele zur deutschen „Lebensraumerweiterung“ beinhalteten die Vertreibung, Versklavung und Vernichtung der slawischen Bevölkerung Osteuropas. Auch die Wehrtechnische Fakultät V an der Königlichen Technischen Hochschule hatte daran ihren Anteil. Zuletzt wurde die Ausstellung an der Humboldt Universität gezeigt. Im Unterschied zur HU, wo sich das Institut für Geschichte dafür engagierte, übernimmt an der TU der AStA die Organisation der Ausstellung.

www.asta.tu-berlin.de und www.kontakte-kontakty.de

Termine

9. Januar – 10. Februar 2012
Ausstellung im Hauptgebäude der TU Berlin vor dem Audimax

(Straße des 17. Juni 135, U-Ernst Reuter Platz, zu besichtigen Montag – Freitag 8-21 Uhr)

Montag, 9. Januar 2012, 18 Uhr, Ausstellungseröffnung
(Straße des 17. Juni 135, U-Ernst Reuter Platz)
Mit André Schmitz (Kulturstaatssekretär), Günther Saathoff (Stiftung-Erinnerung Versöhnung Zukunft), KONTAKTE-KOHTAKbI e.V. und Gabriele Wendorf (3. Vizepräsidentin der TU Berlin)

Freitag, 13. Januar 2012, 19 Uhr, Vortrag von Alex J. Kay
Humboldt Universität, Hauptgebäude Saal 2002 (Unter den Linden 6, S/U-Friedrichstraße)

Vortrag von Alex J. Kay (Historiker) zu „Ausbeutung, Umsiedlung, Massenmord: NS-Zukunftspläne für den Osten: Backe-Plan und Generalplan Ost“.
NS-Umsiedlungs- und Massenmordpläne für die deutschbesetzten sowjetischen Gebiete existierten, die in ihren Ausmaßen sogar die tatsächlich angewandte Gewalt der Nationalsozialisten bei Weitem übertrafen. Das sieht man am Beispiel des Backe-Plans zur Verhungerung von dreißig Millionen Menschen sowie am Generalplan Ost zur Vertreibung weiterer einunddreißig Millionen Menschen nach Sibirien.

Freitag, 20. Januar 2012, 19 Uhr, Vortrag von Thomas Kuczynski
Geschäftsstelle KONTAKTE-KOHTAKTbI e.V, (Feurigstr. 68, S-Julius-Leber-Brücke)

Vortrag von Thomas Kuczynski zur Zwangsarbeiterentschädigung „Brosamen vom Herrentisch. Eine beschämende Geschichte“

Donnerstag, 26. Januar 2012, 19 Uhr, Podiumsdiskussion zu „Sowjetische Kriegsgefangene – Vergessene NS-Opfer?“
TU Berlin, Hauptgebäude, Saal H0110 (Straße des 17. Juni 135, U-Ernst Reuter Platz)

Mit Marcus Funck (Historiker, TU Berlin), Peter Jahn (ehemals Direktor deutsch-russisches Museum Karlshorst), Jens Nagel (Leiter Gedenkstätte Ehrenhain-Zeithain)
Zum Nationalen Gedenktag an die Opfer des Nationalsozialismus, der hartnäckig in allen Medien als „Holocaust-Gedenktag“ bezeichnet wird, fallen die ehemaligen sowjetischen Kriegsgefangenen regelmäßig aus dem Gedenken heraus. Bei der Podiumsdiskussion soll über Gründe hierfür und die aktuelle Situation des Gedenkens und der Gedenkstätten gesprochen werden.

Donnerstag, 2. Februar, 19 Uhr, Lesung aus den „Freitagsbriefen“
Trinitatis Gemeindehaus (Leibnizstr. 79, S-Charlottenburg)

„Ich werde es nie vergessen“ Eberhard Radczuweit liest aus Briefen ehemaliger sowjetischer Kriegsgefangener

Freitag, 10. Februar 2012, 18 Uhr, Finissage (Straße des 17. Juni 135, U-Ernst Reuter Platz)
Zum Abschluss der Ausstellung. Es sprechen: Prof. Christian Jansen (Neuere und Neueste Geschichte), Eberhard Radczuweit (Kontakte-Kontakty e.V.) und jemand vom AStA.

Besuch vom Generalstab

Vergangenen Mittwoch sprach „Oberstleutnant im Generalstab“ Christian Musche im Rahmen der Vorlesung „Neue Akteure in der Entwicklungspolitik“ an der TU Berlin. Die kritische Intention der von der Society for International Development (SID) organisierten Ringvorlesung, machte sich dabei leider nicht bemerkbar und der erhoffte Erkenntnisgewinn über die moderne Zivil-Militärische-Zusammenarbeit blieb so, zumindest für Zuhörer_innen ohne entsprechende Vorkenntnisse, aus. Auch die anschließende Diskussion konnte daran nicht viel ändern. Ein Kommentar zur nachholenden Kritik.

Mit militärisch präzisem Bürstenschnitt, aber in Zivil gekleidet, trat Christian Musche vor das Publikum. Er eröffnete sein Referat mit einigen Worten zu seinem Werdegang bei der Bundeswehr, der er beitrat um die „Reife“ zu erlangen, die er bei seinen großen Brüdern nach abgeleistetem Militärdienst zu sehen glaubte.

Zum Thema selbst wollte er vor allem klar stellen, was eigentlich den meisten bewusst sein sollte: Die Bundeswehr ist keine Truppe von Brunnenbauern, sondern die bewaffnete Interessenvertretung der deutschen Nation. Das ganze Drumherum diene vor allem dem Knüpfen von Beziehungen vor Ort und der Einschätzung der Zivilbevölkerung hinsichtlich ihrer Haltung zur Truppe, ihren Interessen, Motivationen und so weiter – alles was zur strategischen Planung von Interesse ist. Gemeinsame Aufbauarbeiten geschähen hingegen dort, wo sie dem Einsatz dienen. Zur Illustration schilderte er eine „Win-Win-Win-Situation“, wie er es nennt, aus dem afghanischen Alltag: Die lokale Bevölkerung wird zur Befestigung einer Straße für die Befahrung durch Panzer herangezogen. Die Armee spart Zeit und Lohnkosten und „der Afghane (sic!)“ bekommt, was er angeblich am Nötigsten braucht: Arbeit.

Doch die unbewusst zynische Ehrlichkeit des Heeresvertreters kennt seine Grenzen. Dass die im gezeigten Diagramm für zivil-militärische Netzwerke aufgeführten „tribal chiefs“ und „informellen Führer und Milizen“ nichts mit den „Feinden Afghanistans“, nämlich Drogenhändlern, Warlords und Islamisten zu tun hätten, ist angesichts der mehrfach unter Beweis gestellten mangelhaften Differenzierungsfähigkeit der deutschen Truppen (Stichwort Kunduz) schwer zu glauben. Und schließlich ist die Bestechung von Privatarmeen und Glaubenskriegern seit jeher Bestandteil westlicher Interventionen in Afghanistan. Erinnern wir uns nur an die großzügigen Beihilfen zum Kampf der Mudschaheddin gegen die Sowjetunion in den 80er Jahren, in desssen Verlauf die Taliban überhaupt erst zur Macht wurden.

Aber Musche ist als hoher Offizier beim Bundesverteidigungsministerium auch in politischer Verantwortung und dementsprechend in seinen Ausführungen auf dem neuesten Stand der Regierungserklärungen. Die Unterscheidung von „Taliban insgesamt“ und „militanten Kräften aus deren Millieu“ sei ihm wichtig. Unter diesen Umständen werden zu den gerade in Petersberg bei Bonn stattfindenden Verhandlungen zur Machtübergabe in Afghanistan wohl sicher nur „gemäßigte“ Islamisten, Warlords und Drogenhändler eingeladen. Dazu Musche sinngemäß: Eine nachhaltige Beilegung des Konflikts erfordere die Einbeziehung aller Konfliktparteien. Hier kommt nicht zuletzt zum Tragen, was er anschaulich als „interkulturelle Kompetenz“ der Bundeswehr demonstrierte: „Wenn sie den Afghanen fragen ob der Steinigung toll findet, sagt der: Na klar!“

Während sich die anschließende Diskussion mit allgemeinen Fragen zum Afghanistaneinsatz beschäftigte, geriet das eigentliche Thema aus dem Blick. Kein Wunder – ging die Frage nach der Bundeswehr als Entwicklungshelfer doch am eigentlichen Politikum vorbei. Anhand einer Übersicht über die deutschen Gelder für Entwicklung und Aufbau in Afghanistan zeigte Musche, dass das Verteidigungsministerium mit rund € 1,7 Mio gegenüber den € 250 Mio. aus dem Etat der Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit (GIZ) keinen wesentlichen Anteil hat.
Christian Musche, der sich selbst als „Vater“ der Kooperationsvereinbarung zwischen dem Ministerium und der GIZ bezeichnet, sagte es zwar nicht, aber weiß es selbst am Besten: Wir haben es nicht mit einer Zivilisierung der Bundeswehr zu tun, sondern mit einer Militarisierung der staatlichen Entwicklungsarbeit.

Dies hat seinen Grund im “deutschen Interesse“, das nicht nur in Afghanistan vor allem ein wirtschaftliches ist. Sicherheit bedeutet im politischen Jargon auch Versorgungssicherheit der eigenen Bevölkerung – durch einen Platz an der Sonne des Weltmarktes. Das inzwischen zurückgesteckte Ziel einer Demokratisierung, meint eigentlich die Gewährleistung der viel beschworenen offenen Märkte – offen für Investitionen der deutschen Wirtschaft. Für dieses Ziel wird in der Entwicklungsarbeit ein Grundstein gelegt, erste Kontakte und Aufträge werden unter staatlicher Subventionierung geschlossen. Und im Gegensatz zur Einhaltung der Menschenrechte, wird hier nicht so schnell aufgegeben. Um mit einem letzten Zitat unseres Gastredners zu schließen: „Afghanistan ist nicht alles.“